Von meinem Praktikum bleibt eine blutige Nase

Von meinem Praktikum bleibt eine blutige Nase

Nadine*, 22, machte sich auf, die Berufswelt zu entdecken. Dass sie mit diesem Praktikum an ihre psychischen Grenzen kommt, konnte sie nicht ahnen. Für PHILIPP beschreibt sie ihre Erlebnisse bei einem „Start-Up“-Unternehmen im kreativen Bereich. Natürlich.

Irgendwie fehlt es hier an Autorität und Strukturierung. Möglicherweise liegt es daran, dass Günther* so alt ist wie ich. Ich dachte, er wäre an die 30, nicht erst 23. Er meinte, es läge am Bart. Ich glaube eher, es liegt an dem Hemd und dem Sakko. mit dem mein „Chef“ jeden Tag ins Büro kommt. Das Büro – eine zwei- Zimmer Wohnung, die eher an eine Arztpraxis erinnert.

Günther beginnt mit einer Einführung: Dinge und Projekte, die anstehen und wie froh er doch ist, dass wir – ich und die andere Praktikantin Leonie* – da sind. Das beruht leider nicht auf Gegenseitigkeit. Irgendwie ist mir jetzt schon alles viel zu steif und zu erwachsen, obwohl wir alle im gleichen Alter sind. Da sich das sogenannte „Start Up“- Unternehmen in einem Umstellungs-Prozess befindet, gönnt sich Günther zwei Praktikantinnen für sechs Wochen –  kostet ja nichts. Mich nur leider am ersten Tag schon die Motivation und meine Nerven. Denn alles, was ich nach Günthers herausragender Einführung machen darf, ist, Kontakte in Outlook eingeben. Nebenher mal noch etwas googlen und ihm sagen, wie viel das und jenes kostet.

Ich möchte nicht wie die letzte Studentin wirken

Grund für dieses Praktikum ist auch nur der, dass sich mein Studium seinem Ende nähert und ein Praktikum im Lebenslauf doch besser aussieht als keines. Da es natürlich unbezahlt ist, ziehe ich wieder bei Mami und Papi ein, die in der Nähe wohnen. An sich kein Problem – ich bin jung, brauche nicht wirklich das Geld, will was lernen und einen Schritt näher Richtung Berufsleben kommen.

Am dritten Tag Kontakte eingeben wird mir klar: Sekretärin spielen ist zwar interessant, aber nach einem Tag reicht es irgendwie auch. „Dafür habe ich ja nicht studiert“, denke ich mir. Diesen Satz wollte ich schon immer mal sagen. Nur leider traue ich mich nicht. Ich weiß nicht, wie Günther reagieren würde, irgendwie kommt er mir doch noch sehr jung und vor allem eins vor: überfordert. Mich überfordert die Langeweile. So etwas wie einen Tagesrhythmus hatte ich bisher nicht, hat sich einfach noch nicht ergeben. Außer etwas studieren und Schuhe verkaufen besteht mein Leben normalerweise aus ziemlich vielen schönen Dingen, was mir erst während des Praktikums bewusst wird. Denn mit meinen acht Stunden Arbeitszeit ist das entspannte Leben auch vorbei.

Master in „copy & paste“

Leonie und mir werden recht uninteressante Aufgaben zugeteilt: Pressetexte schreiben und noch mehr Texte für irgendetwas anderes verfassen. Wobei „verfassen“ hierfür eher das falsche Wort ist. Ich stelle fest: „Copy“ und „Paste“ ist das, was ich in diesem Praktikum am meisten und besten lerne. Günther ist auch froh, wenn diese Arbeit von uns übernommen wird, somit kann er sich immerhin dem widmen, was ihm am meisten Spaß macht: seriös wirken. Um der unangenehmen Stille des Büros zu entfliehen, stehe ich stundenlang am Scanner im Nebenraum. Er wird in dieser Zeit zu einem guten Freund – „It ain’t wrong loving you“ ist schnell unser Lieblingslied.

Muss ich Schluss machen?

Mittlerweile bin ich so tief gesunken, dass ich morgens auf dem Weg zum Praktikum im Zug mit den Tränen kämpfen muss. Wahrscheinlich weil ich mich jeden Tag aufs Neue so über Günther aufrege und mich frage, ob es an mir liegt, dass ich dermaßen unmotiviert, schlecht gelaunt und einfach nur angepisst bin. Ich hoffe immer noch, dass es bald etwas Interessantes zu tun gibt, von dem ich wirklich sagen kann, dass es mir Spaß macht und mich in meinem Leben weiterbringt.

Neben Günther gibt es noch Cem*, künstlerischer Leiter, der ab und an auch mal im Büro vorbeischaut, dabei aber eher cholerische Anfälle bekommt und sich über alle möglichen Leute aufregt. Günther, angeblich ja der „Chef“, steht ziemlich unter Cems Pantoffeln. Was die Situation für uns Praktikantinnen nicht unbedingt besser macht. Günther erteilt Aufgaben, Cem kommt plötzlich die Idee, die Dinge doch komplett anders zu machen. Dass wir Praktikantinnen dabei schon mehr als die Hälfte davon erledigt hatten, ist ja egal. Unsere Arbeitszeit kostet nichts und ob man Dinge zwei oder dreimal macht, ist im Grunde ja auch schnuppe.

Die Beziehung bröckelt

Dem dynamische Duo schließt sich noch Marcel* an: genau zwei Meter groß und endlich mal jemand in diesem Büro, der total leger und nicht im Anzug aufkreuzt. Er erscheint mir recht sympathisch. Seine Aufgaben sind im Bereich Logistik und er hat Humor und ist das komplette Gegenteil zu Günther. Marcel wird schnell mein Lichtblick in dieser trüben Zeit – die Stimmung im Büro ist schlagartig lockerer, entspannter und man hat manchmal sogar Spaß.

Immer öfter darf ich mit Marcel handwerklich arbeiten. Nachdem ich das komplette Büro mit neuen Jalousien verkleidet und ein neues Waschbecken im WC montiert habe, frage ich mich so langsam, was genau ich hier eigentlich mache. Ich habe Selbstzweifel. Liegt es an mir? Kann ich irgendetwas anders machen? Ich finde keine Antworten und versuche wirklich an mir zu arbeiten. Bei einer gemeinsamen Mittagspause mit Leonie (meistens verbringe ich sie alleine, um meine Ruhe zu haben) stellt sich heraus: ihr geht es genauso. Und mir geht es dadurch tatsächlich etwas besser. Immerhin bin ich nicht alleine und anscheinend  liegt es ja nicht (nur) an mir, dass es einfach keinen Spaß macht. Ab sofort verbringen wir unsere Mittagspausen zusammen im Park und tauschen uns über die Geschehnisse im Büro aus.

Liegt es an mir? Muss ich an mir arbeiten?

Nach der zweiten Woche habe ich sowas wie einen Zusammenbruch, für den ich mich fast schon schäme. Ich merke schon den ganzen Tag, wie die Tränen Sauerstoff tanken wollen. Zu Hause angekommen kann ich sie nicht mehr halten und ich sitze da und weine erstmal eine halbe Stunde. Ich komme mir blöd vor, bin mit der Gesamtsituation unzufrieden. Günther macht mich zu einer Person, die ich nie sein wollte. Ich stelle fest: so geht es nicht weiter. Also nehme ich all meinen Mut zusammen und suche das Gespräch. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass wir richtig und offen miteinander reden.

Ich erzähle Günther von meiner Unzufriedenheit. Er findet es gut, dass ich so offen bin und das anspreche. Ich bin danach auch positiv gestimmt, wir suchen gemeinsam nach einer Lösung und bekommen nun jeden Tag nach einem kurzen Morgenmeeting Aufgaben zugeteilt, die wir dann zu erledigen haben. Das hat ja wirklich was gebracht, denke ich. Bis ich die Aufgabenzettel sehe und die Fragezeichen aus meinen Augen springen. Da standen Dinge, die überhaupt gar keinen Sinn machten und wieder dazu führten, dass ich Günther mit meinen Fragen belästigen musste. Die gute Stimmung im Büro hielt nur ein paar Tage an – dann wurde es wieder trostlos und deprimierend.

Muss ich mir sorgen um meinen Chef machen?

Die anstehenden Projekte rückten näher und Günther klagte über Magenschmerzen. Zudem blieb er durchaus auch mal bis Mitternacht oder noch länger im Büro. Ob ich ihm jetzt erklären muss, dass ausreichend Schlaf wichtig ist, um gut zu funktionieren? Ist ja nicht so, dass er Praktikantinnen eingestellt hat, um ihm Arbeit abzunehmen. Aber okay, ich google weiter munter Künstler, mit denen ich im E-Mail-Kontakt stehe und informiere mich über die Scheidung von Brangelina.

Aber nicht nur Günther leidet körperlich. Das Praktikum hat mich zu einem regelmäßigen „ich wache in der Nacht mit Nasenbluten auf“-Mimöschen gemacht. Hängt das möglicherweise zusammen? Stress habe ich an sich ja nicht wirklich. Nur rege ich mich definitiv zu viel auf und möchte im Grunde viel entspannter sein. Ein Arzt muss schließlich meine Nase versiegeln. Etwas unangenehmeres habe ich noch nicht erlebt. Und schon wieder muss ich weinen. Zum einen wegen der Nase, aber auch schon wieder wegen des Praktikums.

Eine neue Einstellung muss her

So kann es definitiv nicht weitergehen. Ich beschließe das zu tun, was mir mittlerweile als einzig logische Lösung erscheint: alles entspannter zu sehen und quasi zu warten, bis das Praktikum endlich zu Ende ist. Viel lernen werde ich hier eh nicht mehr. Und wenn ich nichts mehr erwarte, kann ich ja auch nicht allzu enttäuscht werden. Das gelingt mir auch ein bis zwei Wochen ganz gut. Mit einer Art Null-Bock-Einstellung mache ich, was Günther mir aufträgt, mehr nicht. Ich gehe pünktlich heim und gebe mich meinem Schicksal hin. Der Nase geht es leider immer noch nicht besser.

Als die großen Projekte kurz bevor stehen, für die wir die letzten Wochen so „angestrengt“ gearbeitet haben, wird die Lage zunehmend dramatischer. Günther scheint unter seinen Magenschmerzen sehr stark zu leiden, laut ihm gibt es noch so viel zu tun. Das Nasenbluten wird trotz meiner neuen Einstellung nicht besser. Die Krönung des Ganzen wird erreicht, als das erste Projekt ansteht. Bei einem Praktikum im künstlerischen Bereich war mir klar, dass auch durchaus mal ein Wochenende mit Arbeit stattfinden wird. An sich kein Problem. Als ich jedoch bemerke, dass ich Montag bis Freitag acht Stunden im Büro Zeit absitze und zusätzlich noch Samstag und Sonntag vor Ort sein soll, reicht es endgültig. Wäre ich sinnvoll beschäftigt, wäre das absolut kein Problem für mich. Da dem aber nicht so ist, kriege ich so schlechte Laune, das es kaum auszuhalten ist. Für was mache ich das eigentlich? Für meinen Lebenslauf? Das ist mir mittlerweile relativ egal. Das Projekt an sich läuft problemlos, bis auf die Tatsache, dass ich vor allen Leuten plötzlich so heftige Nasenbluten bekomme, dass es mir nur noch peinlich ist. Aber gut, da muss ich wohl durch. Nur noch 2 Wochen.

Ein klärendes Gespräch

Woche fünf beginnt. Das zweite große Projekt steht an. Und hier wird das Fass zum Überlaufen gebracht: Ich soll Dinge in Mails schreiben, die mir unendlich unangenehm sind und unter die ich meinen Namen nicht setzen möchte. Dinge, die auf Günthers Überforderung, Unkoordiniertheit und mangelnde Aufgabenverteilung zurückzuführen sind. Dinge, für die ich mich schäme und mit denen ich im Grunde nichts zu tun haben möchte. Leonie geht es genauso. Auch sie scheint manchmal mit den Tränen zu kämpfen.

Nicht nur wir sind unzufrieden, auch Günther und Cem scheinen mit uns alles andere als glücklich zu sein. Bei einem gemeinsamen Frühstück beschließen wir, darüber zu reden. Leonie fängt an zu weinen. Die Chefs erwarten mehr Eigeninitiative von uns. Meiner Meinung nach habe ich diese oft angeboten, Günther fand die Dinge in dem Moment aber nicht wichtig und ließ mich stattdessen andere stumpfsinnige Arbeit verrichten. Es ist ein langes Frühstück mit einem umso längeren Gespräch. Hier scheint gar nichts mehr zu harmonieren. „Ich denke, ich beende das Praktikum an dieser Stelle, vielleicht hört das dann auch mit dem Nasenbluten auf,“ höre ich mich sagen.

Tortur für den Lebenslauf

Wow! Hierüber habe ich oft nachgedacht, jetzt habe ich es ausgesprochen. Fühle ich mich gut dabei? Nicht wirklich. Eher wie jemand, der noch nicht einmal in der Lage ist, ein Praktikum durchzuziehen. Ich brauche ein paar Tage, um damit klarzukommen. Das hat mich ganz schön mitgenommen. Ich habe einen kompletten Monat durchgezogen, habe mich mehr aufgeregt und geärgert als wohl jemals zuvor. Warum soll ich meine Zeit mit etwas verbringen, das mich nicht in die Richtung bringt in die ich gerne wollte? Klar, das Praktikum hat mir durchaus Dinge klar gemacht: wie zufrieden ich mit meinem Student:innenleben bin und wie gut ich es habe. Dennoch war es sehr anstrengend und nervenaufreibend. Und wenn ich sehe, für was dort unnötig Geld investiert wurde, finde ich es immer noch krass, für das Praktikum nichts bekommen zu haben. Immerhin habe ich jetzt eine Bescheinigung, die sich in meinem Lebenslauf ganz gut liest.

*Name von der Redaktion geändert

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