Schweiß, Tränen und schwere Beine: Mein erster Marathon

Schweiß, Tränen und schwere Beine: Mein erster Marathon

PHILIPP-Redakteur Bjarne (in gelb) bei seinem ersten Marathon. Fotos: Hamburg Marathon.

Am 28. April 2024 ist unser Redakteur Bjarne seinen ersten Marathon gelaufen. Was folgt ist ein Erfahrungsbericht voller Höhen und Tiefen, Freude und Leid und natürlich vielen Schritten.

9:30 Uhr, die Glocke läutet und die Profis rennen davon. Ich stehe weiter hinten in Startblock E umringt von tausenden Gleichgesinnten. Direkt nach den Profis starten Startblock A, dann B, C und D. Der Weg vor uns ist frei, alle Läufer*innen sind weg. Der Ordner entfernt das Band und Stück für Stück werden wir an die Startlinie herangeführt. Tatsächlich muss er uns fast schon wie eine Herde wilder Bullen zurückhalten. „Langsam, langsam, langsam!“, ruft er uns entgegen. „Nix mit langsam, lass uns loslaufen!“, denke ich mir. Gut 50 Meter vor der Startlinie rennt der Ordner dann beiseite um bloß nicht von unserer Meute verschluckt zu werden. Wir laufen los, der Zeigefinger liegt am Startknopf der Uhr an, wir überqueren die Matte, ich starte die Uhr und das Abenteuer Hamburg Marathon geht endlich los! 

Halbe Sachen für das große Ganze

Auf diesen Moment hatte ich monatelang gewartet. Schon Ende 2022 traf ich die Entscheidung 2024 endlich meinen ersten Marathon zu laufen. Letztes Jahr saß ich noch vorm Tablet und verfolgte, wie eigentlich jedes Jahr seit meiner Kindheit, den Hamburg Marathon von zuhause aus. Ich wusste aber: Nächstes Jahr bin ich endlich selbst auf der Strecke dabei. Kaum war die Anmeldung am nächsten Tag offen, ließ ich alles stehen und liegen und meldete mich für meinen ersten Marathon an. Dann waren es aber eben immer noch 12 Monate bis zum großen Tag. Die musste ich erstmal rumkriegen. 

Wie überbrückt ein angehender Marathonläufer wohl am besten die Zeit bis zu seinem ersten Lauf über diese Distanz? Richtig: Indem er einfach die halbe Distanz läuft. So bin ich 2023 noch zwei Halbmarathons in meiner Heimat Schleswig-Holstein gelaufen. Zweimal wurde es Bestzeit, zweimal unter 01:34:00 Stunde. Spätestens nach meinem letzten Wettkampf 2023 war mir klar: Der Marathon kann kommen. 

Achterbahnfahrt – Wenn der Körper streikt

Kaum hatte ich mich vom Kiel.Lauf erholt, wurde ich aber krank. Zwei Wochen Sportpause. Nach langsamem Neuanfang und fünf guten Trainingswochen machte mein Immunsystem einen auf Boomerang. Zack, wieder zwei Wochen raus. Da waren es zwar noch über 4 Monate bis zum großen Tag, aber genervt war ich trotzdem sehr. Also wieder auf Anfang.

Gott sei Dank hat unser Körper „muscle memory“. Nach etwa einer Woche erinnerte er sich, wie fit ich eigentlich war und ließ mich dann wieder mit Freude laufen. Dann wurde es langsam ernst und im Februar ging der Trainingsplan so richtig los. Mir ging es bombastisch, ich hatte Semesterferien und somit quasi unendlich Zeit fürs Laufen. „Nicht zu früh gefreut, mien Jung“, dachte sich dann aber mein Körper. Diesmal war es das Knie/ Schienbein, das mich plagte. So anstrengend das auch ist, manchmal möchte der Körper halt keine große Belastung laufen. Dann hieß es drei Wochen alternatives Training machen, denn bekanntlich gehen Läufer*innen am liebsten Aquajoggen und Schwimmen. 

Ein Besuch beim Physiotherapeuten, gezielte Kräftigung und Ruhe waren dann aber tatsächlich meine ganz persönliche Heilige Dreifaltigkeit. Die Achterbahnfahrt war vorbei, das Training konnte weitergehen.

Rivalitäten sterben nie

Es folgten drei Läufe über 30 Kilometer, die so wichtig sind, um sich auf den Marathon vorzubereiten. Alles lief die letzten 5 Wochen vorm Rennen wirklich rund. Spätestens zwei Wochen vorm großen Tag fühlte ich mich dann aber wie ein Kind, das weiß, dass es in zwei Wochen Geburtstag hat. Ich konnte es kaum noch abwarten.

Schlussendlich verflogen diese Wochen aber und ich lief über die Startlinie beim Hamburg Marathon. Während ich bei Kilometer zwei über die Reeperbahn an Sexkinos, Bordellen und Stripclubs vorbeilief merkte ich, dass es schon schnell ziemlich warm wurde. Manchen vor mir lief bereits der Schweiß den Nacken runter. „Naja“, dachte ich, „wird schon irgendwie.“ Ich lief weiter in Richtung Altona, drehte auf die Elbchausse ab und mir ging es gut. 

Noch besser ging es mir, als ich bei ungefähr Kilometer 10 eine HSV-Flagge sah. „Nur der HSV!“, rief ich. „Wie bitte?!“, kam prompt die Antwort von einem anderen Läufer. St. Pauli Fans laufen also auch Marathon. Nach einem kurzen netten Gespräch lief er davon, sowie St. Pauli dem HSV diese Saison. Es ging zum ersten richtig großen Fan-Hotspot – die Landungsbrücken. Hier war ich noch so gut drauf, dass ich einfach ein bisschen Sightseeing gemacht habe. „Die Elbphilharmonie ist schon ein schönes Bauwerk“, dachte ich mir. Genauso wie die „Elphi“ aber lange gebraucht hat, um fertig zu werden, wusste ich an diesem Punkt auch, dass ich noch ganz viel Strecke vor mir hatte. Anders als die Elphi habe ich meinen selbstgesteckten zeitlichen Rahmen immerhin einhalten können. 

Das Adrenalin treibt an

Bei Kilometer 16 am Jungfernstieg stand dann mein ganz persönlicher Support aus Familie und Freunden. Danach kam die Halbmarathonmarke wie im Flug. Davor habe ich überlegt: „Drückst du dann ein bisschen aufs Gaspedal?“ Die Entscheidung fiel auf ja und somit lief ich ein bisschen schneller bis Kilometer 30. Völlig im Rahmen meiner Fähigkeiten, aber nach dem ich wieder meinen Support bei Kilometer 30 gesehen hatte, wurde es dann härter. 

Plötzlich wurden die Beine schwerer. Ich verlor leicht an Körperspannung, mir ging so langsam aber sicher die Leichtigkeit flöten. Mir war völlig klar, dass mich das erwarten würde, aber den Moment, in dem es dann wirklich passiert, muss man erstmal verarbeiten. Ab Kilometer 32 konnte ich die Geschwindigkeit dann nicht mehr ganz halten. Irgendwann auf den letzten sieben Kilometern merkte ich bei einem kleinen Anstieg, wie ich fast in der Leiste einen Krampf bekam. Da war mir klar, dass es hieß, kämpfen. Und das tat ich. In keinem Fall wollte ich Gehpausen einlegen, sondern einfach durchziehen. Links und rechts von mir sah ich immer mehr Läufer*innen Pausen machen und dem Mann mit dem Hammer zum Opfer fallen. Einer ließ sich sogar mitten auf der Strecke einen Krampf aus dem Bein dehnen.

PHILIPP-Redakteur Bjarne beim Hamburg Marathon.

„Du schaffst das, Junge“

Ich hangelte mich von Kilometer zu Kilometer. Langsam wurde mir klar: „Du schaffst das, Junge.“ So schwer es mir auch zunehmend fiel, fand ich immer wieder Kraft dafür, die Leute an der Strecke zu animieren, Stimmung zu machen. Dieses Gefühl, als mir daraufhin mein Name entgegengeschrien wurde – Wahnsinn. In diesen Momenten habe ich mich gefühlt, wie ein Auto bei Fast and Furious, wenn Dom Toretto auf den Nitro-Button drückt. Für einen kurzen Moment bekam ich einen Schub, lief schneller und mir stellten sich vor Adrenalin die Nackenhaare auf. 

Bei Kilometer 41 empfingen mich dann zum letzten Mal meine Familie und Freunde. Das gab mir Kraft und ließ die Tränen erstmals schießen. Ich wusste jetzt, dass ich mich in weniger als sechs Minuten offiziell Marathonläufer nennen dürfte. Also nahm ich meine Beine in die Hand und rannte den Gorch-Fock-Wall hoch. Die letzte Kurve und dann tauchte sie auf – die rote Matte zum Ziel. Dieser Anblick machte alle Schmerzen für die letzten 200 Meter vergessen. Ich setzte zum Zielspurt an, nahm Sonnenbrille und Cap ab und kreuzte die Ziellinie. In dem Moment konnte ich die Tränen dann nicht mehr zurückhalten. Es überwältigte mich mehrfach. Alles tat weh und all die Anspannung der letzten Monate löste sich endlich. Ich war stolz und so fertig wie nie zuvor. Endlich konnte ich meine langersehnte Medaille entgegennehmen und das obligatorische alkoholfreie Erdinger genießen. Marathonlaufen ist ein Privileg, das ich nicht mehr missen möchte.

(Lektoriert von hab und jok.)

ist seit April 2023 Redaktionsmitglied. Studiert American, British and Canadian Studies. Er ist Läufer und großer HSV-Fan.

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