Vizepräsident*innenwahl: Können auch Studierende die Uni leiten?

Vizepräsident*innenwahl: Können auch Studierende die Uni leiten?


Am 13. Januar werden die drei Vizepräsident*innen der Philipps-Universität Marburg gewählt. Sie bilden zusammen mit der Präsidentin, Prof. Dr. Katharina Krause, und dem Kanzler, Dr. Friedhelm Nonne, das Präsidium, also die Spitze der Universitätsverwaltung. Eine Wahl im eigentlichen Sinne gibt es aber nicht: Für jeden Posten ist nur ein*e Kandidat*in aufgestellt und auch deren Auswahl kommt Kritik entgegen. Im Raum steht nämlich auch eine Forderung der Studierendenschaft: eine studentische Vizepräsidentschaft.

„Ein*e Vizepräsident*in aus der Gruppe der Studierenden ist viel näher am studentischen Lebensalltag und könnte besser auf die Belange von Studierenden eingehen“, erläutert Maria Hagen, AStA-Referentin für Hochschulpolitik. Für eine Weiterentwicklung der Lehre hin zu einem Studium, das das Lernen in den Mittelpunkt stellt, brauche es unbedingt auch die Perspektive eines Lernenden. Diese Argumentation lässt sich durchaus hören: Wer, wenn nicht ein*e Studierende*r, soll Experte*in für die Problemen von Studierenden sein? Aus diesem Grund fordert die Studierendenschaft seit vielen Jahren wiederholt, für das Vizepräsidentenamt für Studium und Lehre – die anderen Vizepräsident*innen sind den Bereichen „Informations- und Qualitätsmanagement“ sowie „Forschung, Nachwuchsförderung, Wissenstransfer und Internationales“ zugeordnet – eine*n Student*in vorzuschlagen. Zuletzt wurde dieser Gedanke auf der Senatssitzung im November vergangenen Jahres diskutiert. Nominiert wurde aber letztlich Prof. Dr. Evelyn Korn aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften.

Studierendenschaft hat nicht einmal ein Vorschlagsrecht

Das Vorschlagsrecht für die Kandidat*innen obliegt nach dem hessischen Hochschulgesetz allein der Präsidentin. An dieser Stelle setzt ein weiterer Kritikpunkt des AStA an: Obwohl die Vizepräsident*innen letztlich vom Senat gewählt werden, hat kein demokratisch gewähltes Gremium der Universität die Möglichkeit, auf die Vorschlagsliste einzuwirken. Zwar bedürfen die Vorschläge der Zustimmung des Hochschulrats. Dieser setzt sich aber aus Vertretenden der Wirtschaft, der beruflichen Praxis, der Wissenschaft oder Kunst zusammen, die nicht gewählt, sondern vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst bestellt werden. Der Senat, der von allen Angehörigen der Universität bei den Hochschulwahlen gewählt wird, kann einem Vorschlag der Präsidentin dagegen nichts entgegensetzen. „Es ist wieder einmal deutlich geworden, welche Macht die Präsidien gegenüber demokratischen Gremien wie akademischen Senaten haben – dem muss endlich per Gesetz ein Riegel vorgeschoben werden“, fordert daher auch Elisabeth Kula, hochschulpolitische Referentin des AStA Marburg.

Vizepräsident*in muss auch schwierige Entscheidungen durchsetzen können

Gegen ein studentisches Mitglied des Präsidiums spricht aus Sicht der Universitätspräsidentin Prof. Dr. Katharina Krause aber zum einen die hohe zeitliche Belastung – an der Philipps-Universität gibt es im Vergleich zu anderen Universitäten nur nebenamtliche Vizepräsident*innen. Zum anderen habe ein Präsidiumsmitglied nicht nur die Aufgaben seines Ressorts federführend zu betreuen, sondern auch alle Angelegenheiten des ihr oder ihm zugeordneten Teils der Fachbereiche und der Einrichtungen der Universität. „Für ein solches Amt kommen Persönlichkeiten in Frage, die sich durch breite, mehrjährige wissenschaftliche und hochschulpolitische Erfahrung sowie die Fähigkeit zu institutionellem Denken über ihren engeren Arbeitsbereich und über ihren Status hinaus auszeichnen.“ Diese angesammelte Erfahrung – auch Lebenserfahrung – erleichtere die Durchsetzung schwieriger Entscheidungen.

Dass ein*e studentische*r Vizepräsident*in Probleme haben könnte, Entscheidungen durchzusetzen, will Konstantin Korn, Senator der Philipps-Universität, allerdings nicht als Argument gelten lassen. Professor*innen nutzten immer noch ihre Macht, um ihre partikularen oder persönlichen Interessen durchzusetzen. „Die Präsidentin hat leider nicht den Mut bewiesen, den Versuch zu unternehmen, diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen: Professor*innen sind schließlich keine Ordinarien mehr!“, ärgert sich Korn.

Forderung ist andernorts schon Realität

Ein*e studentische*r Vizepräsident*in ist auch keineswegs nur eine Marburger Idee, sondern bundesweit in der Diskussion. Erstmalig wurde das Vizepräsidentenamt 2010 an der privaten Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee mit einem*r Studierenden besetzt. Inzwischen gibt es aber auch etwa an der Uni Rostock, der Fachhochschule Potsdam und der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde studentische Vertreter*innen in der Universitätsleitung. An der FU Berlin stand 2014 immerhin neben einem professoralen Kandidat auch ein Studierender zur Wahl.

Eine vergleichbare Entwicklung zeichnet sich in Marburg derzeit zwar noch nicht ab. Von Seiten der Universitätsleitung wird aber betont, dass auch weiterhin von der Expertise der Studierenden profitiert werden solle – etwa durch eine studentische Vertretung im Senat und in verschiedenen Kommissionen. Erst Mal also nur business as usual. Aber in drei Jahren wird ja wieder gewählt.

WAHL  Die drei Vizepräsident*innen werden am 13. Januar 2016 in der Senatssitzung gewählt. Für den Bereich ,,Informations- und Qualitätsmanagement“ kandidiert Prof. Dr. Joachim Schachtner (Fachbereich Biologie), für den Bereich ,,Forschung, Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und Internationales“ Prof. Dr. Ulrich Koert (Fachbereich Chemie) und für den Bereich ,,Studium und Lehre“ Prof. Dr. Evelyn Korn (Fachbereich Wirtschaftswissenschaften). Die Universitätspräsidentin, Prof. Dr. Katharina Krause, wurde bereits im Juni 2015 wiedergewählt. Die Amtszeit der Vizepräsident*innen beginnt am 1. März bzw. am 15. April. Die Sitzung ist öffentlich. Die Wahlbekanntmachung findet ihr hier.

FOTO: samchills auf flickr.com, CC-Lizenz

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Stellvertretende Chefredakteurin und Ressortleiterin Politik. Hat seit neustem ein abgeschlossenes Hochschulstudium - yeah! - und ist ein Fan von Katzen, dem Internet und Katzen im Internet.