Sneak-Review #36: Der Moment der Wahrheit

Sneak-Review #36: Der Moment der Wahrheit

Und auch diese Woche fragen wir wieder: Haben sich die vier Euro Eintritt gelohnt? Diesen Dienstag in der Sneak: Das auf einer wahren Begebenheit beruhende Drama „Der Moment der Wahrheit“ von James Vanderbilt, das viele Fragen offen lässt.

Es ist ein Film für unsere eigenen Reihen: Die harte und korrupte Welt hinter dem Journalismus – spezifischer, dem investigativen Journalismus. Was passiert, wenn ein Redaktionsteam eine Nachricht verbreitet, die die Wiederwahl eines Präsidentenkandidaten gefährdet? Und das auch noch in den konservativen U.S.A? Der Streifen „Der Moment der Wahrheit“ zeigt es uns – leider zu sehr fokussiert auf dem Handlungsstrang als auf die Emotionen dahinter.

Bushs Meidung des Vietnam-Kriegs

2004. Der US-Wahlkampf um die Wiederwahl George W. Bushs ist im vollen Gange und Mary Mapes (gespielt von Cate Blanchett), engagierte Journalistin, meint einen Fall entdeckt zu haben, den die US-amerikanische Wählerschaft in Aufruhr bringen wird: Dokumente, die beweisen, dass Bush sich vor dem Vietnam-Krieg und zeitweilig auch generell um seinen Dienst drückte. Gemeinsam mit ihrem Team findet sie vier Dokumentenprüfer:innen, die ihr die Echtheit der Dokumente bestätigen – mit ein paar Zweifeln, dazugesagt. Außerdem finden sie auch Menschen, die die Geschichte im Ganzen stützen, wodurch die Ausstrahlung des Falls in der CBS-Show „60 minutes“ schließlich zustande kommt.

Es ist ein interessantes Thema, umso mehr, da es wahr ist. Außerhalb der Staaten kaum bekannt, gingen die Dokumente als „Rathergate“ – benannt nach dem zu der Zeit als „Vorleser der Nation“ bekannten Journalist Dan Rather (Robert Radfort) – in die Geschichte ein. Nach der Veröffentlichung entfachte ein Shitstorm im Netz, einer mit erstmals weitreichenden Folgen. User im Netz hatten den Produzierenden Plagiat vorgeworfen, das Dokument hätte simpel auch mit Word erstellt werden können. Witzig, wenn die Folgen dessen einem nicht das Lachen im Keim ersticken würde.

„Das System ist korrupt. Immer schon.“

Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen, laufen oft Gefahr, das Thema ausschlachten zu wollen, es zu übertreiben, Dinge unrealistisch wirken zu lassen. Dieser Streifen hätte sehr gut auf die Probleme des Journalismus eingehen können, wenn er sich mit politischen Machtapparaten anlegt. „Das System ist korrupt. Immer schon. Das weißt du“, lautet ein bezeichnendes Zitat, dem deutlich mehr Basis im Film hätte gegeben werden können. Ebenso hätte er beispielhaft darstellen können, wie die „kleinen Leute“ am Ende austragen müssen, was „den Großen“ schaden könnte. Das Drama schneidet beides an, piekst dann aber eher nur so im Kuchen herum. Im Grunde wird es eben angesprochen, aber nicht thematisiert.

Stattdessen neigt der Streifen dann doch wieder dazu, in die Hollywood-Maschinerie zu geraten. Es muss natürlich der typische Spannungsbogen her, die Musikstücke sind an vielen Stellen viel zu episch gesetzt und es gibt Szenen, die eine Dramatik zu gewollt hervorrufen wollen. Als sich am Ende „der Colonel“ (Dennis Quaid) und „der Hippie“ (Topher Grace), zwei Mitglieder des Redaktionsteams, die Hand reichen á la Vereinigung zweier Extreme, wirkt das Ganze völlig überzogen. Und dann ist der Film mal wieder zu lang. „Zieht sich halt wie ’n Kaugummi“, sagt der Sitznachbar. Wo sind eigentlich die 90-Minuten Filme geblieben?

Die Geilheit auf medialen Krieg

Am Ende zeigt der Film vor allem eines: Die Geilheit der Gesellschaft auf öffentlich ausgetragene Dispute und die Fragwürdigkeit der Gewichtung von Informationslagen. Der Film zeigt vor allem eines nicht: die Wahrheit. Bis heute ist der Fall nicht gelöst, Bush wurde wiedergewählt und die Redakteur:innen hinter der Story mussten alle ihren Posten verlassen. Es bleibt die Frage, die an so einer Geschichte doch eigentlich interessant ist: Was wurde aus den Redakteur:innen? Wie hat so ein Shitstorm das Leben derer, die nichts als die Wahrheit an die Gesellschaft bringen wollen, verändert? Was ist mit der Fallakte passiert?

Und dann ist es irgendwie ein Plädoyer an den Journalismus. Cate Blanchett spielt durchaus überzeugend die Rolle der sturen, neugierigen, gründlichen Mary Mapes, die durch’s ganze Herz Journalistin ist. Robert Redfort ist manchmal ein bisschen zu süffisant, doch auch sein Dan Rather gewinnt die Sympathie des Publikums. Die „Courage“, die in dem Film so oft eine Rolle spielt, wird von den beiden jedenfalls glaubhaft umgesetzt.

„Der Moment der Wahrheit“ kommt heute (2. Juni) in die deutschen Kinos.

FOTO: filmstarts.de

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin. Zwischen ihrem Master in Friedens- und Konfliktforschung ist sie zu Techno und Goa am Raven oder reist durch die Weltgeschichte.