Der mit dem Brett tanzt

Der mit dem Brett tanzt

Das ist Hannes. Der Philosophie-Student hat letztes Jahr beim Skate Rock Bash den Titel geholt. Aus gutem Grund. Ein Porträt.

Es ist Samstag, etwa 14 Uhr. Der Marburger »Skate Rock Bash« beginnt mit einer Showeinlage der Band »Fatzke«, während sich die ersten Skater schon ein bisschen warm fahren. Special Guest ist heute David Lebuser, ehemaliger Rollstuhlskate-Weltmeister. Er zeigt, wie der Skatepark auch mit einem Rollstuhl gerockt werden kann. Selbst der kurz anwesende Oberbürgermeister Thomas Spies lässt es sich nicht nehmen, das auch mal auszuprobieren. Wobei er sich am Ende mühselig am Geländer hochziehen muss. Heute wird ein spannender Tag für Hannes. Nicht nur, weil er seinen Titel verteidigen muss. Auch, so soll sich später herausstellen, weil sein Timing nicht immer das Beste ist. Die Skate-Competition ist extrem wichtig für den 24-Jährigen. Wer ihn kennt, weiß das. Doch heute ist auch der Abiball von seiner Freundin. Und guter Freund, der Hannes ist, muss er da natürlich auch anwesend sein. Wenigstens kurz.

Der, der einfach drauf springt

Hannes skatet für sein Leben gern. Als er mit acht Jahren das erste Mal auf dem Brett stand, »wusste ich sofort, dass ich da nicht mehr runtergehe!« Ein Ball hat ihn dort hingeführt: Bei einem Kindergeburtstag eines Freundes standen Fußball und Skateboard herum. »Dann gab’s diesen Moment, als der Ball die Straße herunter gerollt ist. Ich werd‘ nie vergessen, wie ich da auf’s Brett gesprungen und dem Ball hinterhergefahren bin. Da wusste ich, dass ich den Ball gar nicht haben will.“

Der Bash wird an dem launigen Tag leider immer wieder von kleinen Regenschauern eingeholt. Längst kein Grund zur Aufregung, denn es sind ja immer noch Live-Bands da, die das Publikum bei Laune halten. Die Idee dahinter stammt übrigens von Carsten, 35, Rock-Musiker. Vor zwei Jahren holte er einen Kumpel im Skate-Park des Georg-Gassmann-Stadions ab und dachte sich sofort: »Geil, da würde ich gern mal spielen.« Was mit Eigennutz anfing, sollte ein Gewinn für die ganze Szene werden. Denn: »Skateboardszene und Musikerszene, das passt wie Arsch auf Eimer«, fand Carsten und stellte sich seine Crew zusammen. 2015 findet der erste Skate Rock Bash statt.

 

Der, der schnell und kraftvoll fährt

»Letztes Jahr war’s ultra brutal heiß«, erzählt mir Hannes, als wir uns auf ein Eis bei den Pferden am Pilgrimstein treffen, um mir zu erzählen, was Skaten für ihn bedeutet. »Der Skatepark hier ist für mich wie der Spielplatz früher. Weißt du, ich kann dahin gehen und mich austoben und alles vergessen.« Ich weiß vor allem auch, dass es ihn auslastet, ihm den nötigen Biss gibt, wenn mal etwas nicht so gut läuft. Drei Jahre habe ich mit ihm zusammengewohnt, inzwischen kenne ich ihn sehr, sehr gut. Es gab kaum einen Tag, an dem er nicht raus und auf’s Brett springen wollte. »Ja, das ist eine Art Selbstverwirklichung für mich. Es ist schön zu sehen, wie man an etwas wächst, wie man sich neue Herausforderung stellt und wenn man eine geschafft hat, sich gleich wieder zehn Neue gibt.«

 

Auf dem Bash, 16 Uhr. Hannes musste sich inzwischen bereits einmal vor der Jury beweisen. Flowy, der selbst seit 20 Jahren skatet und heute die Hälfte dieser Jury bildet, erklärt mir, dass es drei verschiedene »Obstacles« gibt. »Hindernisse«, bemerkt er, »für’s Zeitungsdeutsch«. Dort haben die Skater dann zwanzig Minuten Zeit, um ihre besten Tricks zu zeigen. Da es heute so viele sind, sind sie in zwei Gruppen aufgeteilt. Hannes ist in der ersten. »Wenn man ’ne Weile Skateboard fährt, weiß man, dass nicht alle Tricks gleich leicht sind«, meint Flowy zur Bewertungsform. »Es ist sehr schwer zu bewerten, es geht ja auch um Kunst und persönlichen Eindruck.« Aber meistens steche dann doch eine Person raus. »Hannes fährt eher kraftvoll, schnell und mit ein bisschen mehr Action. Das ist immer sehr schön mit anzugucken.« Letztes Jahr hat er wohl deshalb auch gewonnen.

 

Der mit dem Kickflip

Da wo Hannes heute ist, führte ein schleppender Weg hin. Als Kind kannte er nicht viele andere Skater, Motivation zu behalten sei alleine oft schwierig. Aber dann gab’s das Playstationspiel Tony Hawks pro Skater. »Das hat meine Leidenschaft noch mal neu geweckt und ich sagte mir: Ich hör jetzt nicht auf, bevor ich einen Kickflip kann!« Gesagt, getan. Heute ist das Hannes Lieblingstrick. Aber auch den 360° Flip mag er besonders gern, »Mensch muss einen Zauberspruch sprechen, dann macht das Brett ’ne Rotation um 360 Grad mit ’ner Fassrolle. Beste!« Allerdings ist das auch sein größter Erzfeind. »Was vielleicht bemerkenswert ist, ist, dass ich manche Tricks nie lernen werde, die andere nach einer halben Stunde können und andersrum. Am Skatepark kann eigentlich jede:r irgendwas, was andere nicht drauf haben.«

 

18 Uhr. Der Wettbewerb geht weiter, die zweite Gruppe fährt das zweite Obstacle. Hannes ist nicht mehr da. Vor zwanzig Minuten brach er mit seiner Freundin zum Abiball auf. Ich halte die Stellung und muss dafür sorgen, dass seine Gruppe nicht ohne ihn loslegt. Es werden ein paar spannende Minuten. »Ich möchte vor allem glücklich sein«, sagt mir mein blond/brünetter Freund, als er ein paar Tage zuvor an seiner Schokoeiskugel leckt. »Ich geb‘ mir eigentlich andauernd Mühe, das Beste aus meinem Leben zu machen. Das ist ein Ideal von mir, Bedürfnisse runterzuschrauben, weil man dadurch endgültig reich wird.« Und so ist es eigentlich kein Wunder, dass Hannes keinen zweiten Gedanken daran verschwendet, ob ihn dieser Abiball heute vom Siegertreppchen werfen könnte.

Der, den man aus der Mensa wirft

Diese Einstellung mag vielleicht nicht allen so gut gefallen. Generell eckt Hannes mit seinem Auftreten und seiner Lebensweise oft, aber auch sehr gerne an. Schon zweimal wurde er aus der Mensa geworfen, weil er es nicht ertragen konnte, den Essensresten auf dem Weg in den Müll zuschauen zu müssen. Sein Lunch besteht dann aus den Überbleibseln am Mensaband. Beim Skaten ist es ähnlich. »Es ist eigentlich Standard, dass man Ärger mit der Polizei und Securities hat.» »Warum eigentlich?«, frage ich. »Weil die Skaten als Sachbeschädigung ansehen, was es im Endeffekt auch irgendwo vielleicht ist«, antwortet Hannes lachend. »Hier entstehen dann Spuren, ganz klar«, er streicht über die Holzbank, auf der wir sitzen und zeigt auf ein paar etwas hellere Streifen. »Aber ich weiß, dass das den Leuten nicht mal auffällt. Manchmal deute ich sogar darauf hin. Aber die, die uns wegschicken, sind meistens auch keine Leute, sie sich fragen, ob das jetzt richtig ist. Die machen halt ihren Job«, sagt er und macht dabei eine Mimik des Übergebens.

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Bash, 18:30 Uhr. Die zweite Gruppe ist durch, die erste wird gleich dran sein. Mein Handy klingelt. »Gibst du mir ’n Update?«, schallt es aus dem Hörer. Die Stimme klingt gestresst. Kein Wunder. »Du hast noch zehn Minuten!« »Jo, schaff ich!» Er legt auf. Währenddessen wird wieder ein bisschen Musik gespielt. Die Stimmung ist super. Carstens Konzept geht auf, der Mix aus Skaten und Live-Bands kommt sehr gut an. Dass er das aber nicht immer organisieren kann, ist für ihn klar. »Ich fände es schön, wenn die Skater sich auch wieder selbst organisieren.« Oft fehle es in der Skaterszene an Engagement, sich in etwas hineinzufuchsen. Diese Probleme kennt Hannes. »Ich würde mir ein bisschen mehr Motivation wünschen, andere Orte zu entdecken.« In Marburg selbst gibt es außer diesem Skatepark nämlich auch nicht viele Möglichkeiten. »In den vier bis fünf Jahren, in denen ich jetzt hier lebe, habe ich es nicht einmal geschafft, mit den Leuten woanders hinzufahren«, was, muss er zugeben, allerdings auch teilweise an seiner eigenen Verplantheit liegt.

Der mit Hemd und Fliege

18:40 Uhr. Hannes ist zurück! Gerade kam er angerast, auf seinem Rad, völlig verschwitzt. Er trägt seine typischen halbdurchlöcherten grauen Jeans und dazu dieses für ihn unfassbar untypische weiße Hemd mit Fliege. Gut sieht er aus. Während er in meine Richtung läuft, wird er von allen Seiten freudig begrüßt. Schnell zieht er ein anderes Shirt an, trinkt einen großen Schluck Wasser und schnappt sich sein Skateboard. Er nimmt zwei Schritte Anlauf, springt auf’s Brett, fährt ein Stück, bevor er kurz in die Knie geht und dann mit dem Board noch an den Füßen auf die Plattform vor ihm springt. »Das nennt man einen nose wheely«, erklärt er mir später.

Skaten ist für Hannes ein Lifestyle. Es hat etwas Rebellisches, macht Krach, ist gefährlich. »Ich glaube, viele Leute können gar nicht nachvollziehen, was wir da machen.« Flowy beschreibt es mir so: »Es ist ein schönes Gegen- zu ’nem Schulkonzept: Man bekommt ein Brett in die Hand gedrückt und sagt: Alles, was du damit machst, ist richtig!« Deshalb sei der Sport auch so fair. »Es ist eigentlich egal, ob ich gewinne«, sagt Hannes bei den Pferden und lächelt. »Da würde keine:r sagen, ich gönn dir das nicht. Jede:r würde jeden feiern, für das was er oder sie geschafft hat. Das sich gegenseitig anfeuern ist ein ganz wichtiges Element beim Skaten.«

Der mit den gebrochenen Rippen

Skate-Rock-Bash, 20:20 Uhr. Das zweite Obstacle ist nicht so gut gelaufen für Hannes, trotzdem schafft er’s ins Finale. Begleitet wird er dabei vom Moderator Ogden – übrigens herrlich gekleidet als Monkey D‘ Ruffy (One Piece) – mit den Worten: „Hannes. Sein bester Trick sind seine Haare!“, nachdem er zuvor als „Abiball Hannes“ angekündigt wurde. Diese Runde ist wichtig für Hannes. Er will den 360° Flip schaffen. Einmal stürzt er, sein Gesicht verzieht sich schmerzhaft. Aber das war vergleichsweise nur eine Kleinigkeit. »Ich hab mir mal ’ne Rippe gebrochen, das war ziemlich unangenehm«, erzählt er am Pilgrimstein, während er gedankenverloren an seinen zwei Dreads zupft. »Da wollte ich so ’ne abfallende Kante runterspringen, bin aber beim Reinspringen oben schon hängen geblieben und quasi das ganze Ding als Bauchklatscher runter, nur auf die Rippen.« Ich erinnere mich, muss mir auf die Lippen beißen. »Ja, das war ziemlich heftig, weil ich da auch keine Luft mehr gekriegt hab.« Generell würden solche Dinge aber selten passieren. »Ich hab auch schon Angst, dass sowas das Skaten irgendwann mal beenden wird. Aber ich mach solang weiter, bis das passiert!«

 

Am Ende hat es für Hannes leider nicht gereicht. Der Stress am Nachmittag hat ihn aus der zweiten Runde geworfen und seine Herausforderung, der 360° Flip, wollte ihm im Finale einfach noch nicht klein beigeben. Die Zeit wurde für ihn sogar verlängert, mit entschuldigenden Worten von Ogden: „Dieses Gap hat noch ’ne Rechnung offen mit Hannes. Das ist sein Erzfeind!« »Das ist was Persönliches«, ruft der vorbeifahrende Hannes hinterher. Er ist enttäuscht, braucht nach der Runde erst mal etwas Ruhe. Bei der Siegerehrung klatscht er natürlich trotzdem genauso laut, wie alle anderen. Für jede Runde wird ein Gewinner gekürt, Moritz, Jakub und Mister T. heißen die Glücklichen. Und dann will Ogden noch den Sieger der Ausdauer ernennen. Alle wissen, wer das ist.

Der, der sich nicht in den Arsch kriechen lässt

22 Uhr. Die letzte Band klingt den langen Tag aus, während ich Hannes‘ gewonnene Schätze – Schuhe, ein T-Shirt und eine Cappie – einpacke. Hannes macht noch eine Runde durch den Skatepark – da sind viele, von denen er sich verabschieden muss. »Früher war lange mein großer Traum, Profi-Skater zu werden. Immer wenn ich Kerzen ausgepustet hab‘, hab ich mir das gewünscht.« Aber heute würde er sich nicht mehr um irgendeinen Vertrag bemühen. »Wenn mir jemand in den Arsch kriecht und mir sagt, was ich machen muss, da hab ich kein Bock drauf.« Geschenke ablehnen würde er allerdings auch nicht. »Also, wenn mir jemand ein Brett hinlegt, dann sag ich nich‘ nee.«

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»Weißt du, man stellt irgendwann fest, dass man sich zu dem Brett hingezogen fühlt und dann steigt man drauf und fährt los«, sinniert Hannes bei seinem letzten Bissen Eiswaffel am Pilgrimstein. »Man kommt dann am besten so ein bisschen in den Flow und kriegt Lust auf einen bestimmten Trick. Dann denkt man, okay, das könnte so und so klappen und dann versucht man immer weiter. Ich denke dabei auch an das Gefühl, wenn ich es geschafft habe, das ist nämlich unglaublich!« Heute ist Hannes zwar nicht so zufrieden mit seinem Ergebnis, aber getreu nach seinem Motto »Mach das Beste draus«, feiert er heute Abend trotzdem, gemeinsam mit seinen Freund:innen. Kurz geht es sogar auch nochmal auf den Abiball.

FOTOS: Luis Penner

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin. Zwischen ihrem Master in Friedens- und Konfliktforschung ist sie zu Techno und Goa am Raven oder reist durch die Weltgeschichte.