Schrille Farben, Sex und Technomucke

Schrille Farben, Sex und Technomucke


Shakespeares‘ Ein Sommernachtstraum kehrt in Marburg ein; eine Version, wie sie euch sicher noch nie begegnet ist!

Athen: Helena liebt Demetrius, der jedoch liebt Hermia, die wiederum Lysander liebt, der allerdings von ihrem Vater Egeus nicht akzeptiert wird. Es folgen Flucht und Verrat und das Chaos kommt ins Rollen, als sich die Herren der Elfenwelt einmischen, insbesondere Puck, der durch einen Irrtum nicht wie befohlen Demetrius Begehren an Helena entflammen lässt, sondern stattdessen Lysander den Liebestrank in die Augen träufelt. Der König der Elfen Oberon, um Pucks Fehler zu richten, gibt Demetrius den gleichen Trank nun einfach auch noch und jetzt liebt keiner mehr die arme Hermia, dafür aber beide Männer Helena, die sich inzwischen ganz schön verarscht vorkommt. Verständlich.

Das ist – sehr vereinfacht – die Handlung des berühmten Stücks Ein Sommernachtstraum (Original: A Midsummer Night‘s Dream) von William Shakespeare, welches beim diesjährigen Sommertheater auf dem Marburger Marktplatz aufgeführt wird. Elf Tage lang ist die Bühne vor dem Rathaus aufgebaut, auf dem das Team des Hessischen Landestheater eine schrille, faszinierende und auch sehr umstrittene Show abliefert.

„Wenn du mich schlägst, dann kriech ich nur noch mehr vor dir!“, ruft die Figur Helena Demetrius zu, während sie sich an einer der vielen angebrachten Poledance-Stangen räkelt. Sie trägt zum Rock passende, knallrote Heels, ein pinkes Korsett und eine rote Kurzhaar Perücke. Dieser Stil spiegelt sich bei allen weiblichen Figuren wider, während die männlichen an eine Art Saturday Night Fever Verschnitt erinnern, mit noch schimmernderen Kostümen und auffälligen Frisuren.

Knappe Kleidung und Technomukke

Mit knapper Kleidung, sexuellen Anspielungen, und Technomukke wird die Geschichte des Sommernachttraums um ein paar Jahrhunderte in die Zukunft versetzt. Charakterzüge der einzelnen Figuren werden nicht ersichtlich, es geht allein um Anziehung und Lust. Während der Plot sich noch an das Original aus dem 16. Jahrhundert hält, tut es die Inszenierung keineswegs. Diese Version schockiert, sie provoziert bewusst und lässt jegliche Romantik hinter Gier, Eifersucht und Sex verschwinden. „Was wäre, (…) wenn das, was wir gemeinhin unter dem Begriff ‚Liebe‘ verstehen, sich als (historische und kulturelle) Konstruktion erwiese, die sich durch die Mittel der Ekstase (…) außer Kraft setzen ließe?“, lässt es sich dem Theatereigenem Programmheft entnehmen. Auf der Bühne sagt Puck, der freche Elf, trocken: „So ist das Leben, ist mal einer treu, betrügen sich Millionen ohne Scheu.“ So bitter es klingt, gänzlich wiedersprechen kann man ihm ja leider auch nicht. Während in dem Stück dank Liebestrank am Ende die „korrekten“ Paare zueinander finden, sieht die Realität oft wesentlich frustrierender aus. Wie die OP richtig erkannte: „Heute gibt es keine Zauberblumen mehr, nur noch KO-Tropfen oder Aufputschmittel. Leider.“ Aufputschmittel benötigt man für das diesjährige Sommertheater definitiv nicht, dafür aber am besten eine gewisse Offenheit gegenüber Modernität, Sexualität und kreativer Verfremdung. Einen Besuch zum Marktplatz würde ich jedenfalls wärmstens empfehlen.

Besonders schön anzusehen sind dieses Jahr übrigens die Pole – Tänzerinnen in ihren süßen rosa Kostümen und zu den größten Lachern gehört der kleine Nebenplot der Gruppe Athener Handwerker. Unerfahren, aber unfassbar liebevoll wollen sie das Stück Pyramus und Thisbe aufführen, wobei sie unglücklicherweise an den chaosliebenden Puck (im Übrigen eine hervorragende Darstellung von Tobias M. Walter) geraten, der einen von ihnen in einen Esel verwandelt. Die talentierten Schauspieler und der tolle Humor geben damit dem gesamten Stück noch den letzten Schliff des i-Tüpfelchens.

LOOKI LOOKI Das Stück Ein Sommernachtstraum in Regie von Gerald Guth-Goldmann läuft auf dem Marburger Marktplatz seit letzten Donnerstag, 5.6. und ist noch bis Sonntag, 15.6. für theaterfreudige Menschen verfügbar. Beginn: 21 Uhr, ca. 80 Minuten.

FOTO: Leonie Ruhland

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin. Zwischen ihrem Master in Friedens- und Konfliktforschung ist sie zu Techno und Goa am Raven oder reist durch die Weltgeschichte.