Auf die Rollen für mehr Recht

Auf die Rollen für mehr Recht

Nach vier Jahren beliebter Anlaufstelle für Fahrradfreund*innen soll der RADikate-Tunnel jetzt zugeschüttet werden

Marburg ist eine schöne Stadt. Sie hat eine tolle Altstadt, besitzt einen netten Flussverlauf und die Universität ist im Großen und Ganzen auch nicht so unästhetisch. Nicht nur Dauerbürger Marburgs, vor allem die knapp 26000 Studierenden genießen die kurzen Wege, die einen von A nach B bringen.

Schöner wär‘s noch, wenn wir auch hier auch gescheit radeln könnten. Die Nutzung von Fahrrädern oder Skateboards ist allgegenwärtig in Marburg, weniger jedoch ein freundlicher Personennahverkehr. Radfahrer*innen müssen entweder um ihre Sicherheit auf Marburgs Straßen fürchten, wie im Marbacher Weg, auf dem Raser nur so wimmeln, oder sie geraten mit Fußgänger*innen aneinander durch dauerhafte Baustellen wie beim Hauptbahnhof; nur um ein paar Beispiele zu nennen. Wer gerne mit dem Rad in Marburg unterwegs ist, muss sich dem autozentrierten Denken der Stadt täglich konfrontiert sehen.

Das ist eines der vielen Gründe, warum zahlreiche Marburger*innen jährlich zur Fahrraddemo ihre motorenlosen Fortbewegungsmittel auf die Straßen schieben und lauthals für „Mehr Recht auf Stadt“ protestieren. Dieses Jahr jedoch gibt es einen ganz speziellen Anlass, der den Unmut von uns Radliebhaber*innen noch mehr angestachelt hat. Denn wenn man aktive*r Nutzer*in eines Rads ist, muss das konsequenterweise auch mal zur Reparatur. Während sich einige vielleicht der Bequemlichkeit und den überteuerten Preisen von Fahrradwerkstätten hingeben können, genießen andere das kostenlose Angebot der RADikate Selbsthilfewerkstatt im Biegentunnel auf Höhe des Uni-Verwaltungsgebäudes. Aufgrund von Renovierungsarbeiten will man den Tunnel jetzt jedoch schließen.

Wenn man reinfährt wird es dunkel, wenn man rausfährt, wird es hell

„Anfang des Jahres erreichte uns ziemlich überraschend die Nachricht, dass der Tunnel zugeschüttet werden soll. Das haben wir eher so nebenbei erfahren, selbst auf Nachfrage unsererseits erhielten wir kaum Informationen über den Grund.“, erzählt RADikati Wanda auf der Fahrraddemo am 4.7. den zahlreich erschienenen Unterstützer*innen. „Aus staatlichen Gründen“ wurde der Gruppe mitgeteilt, durch die Sanierung der Biegenstraße schien die Tunnelwerkstatt nicht mehr ins Bild zu passen.

Das unkommerzielle Projekt, vor etwa vier Jahren von einigen engagierten Studierenden ins Leben gerufen, bietet Raum und Hilfe zur Ausbesserung von Rädern. Dabei soll Motivation geschaffen werden, Reparaturen selbst in die Hand nehmen zu können, während die RADikatis mit Werkzeug und Fachwissen jeder und jedem zur Seite stehen. „Ich kann dort in toleranter Atmosphäre und durch Hilfe zur Selbsthilfe meine mechanischen Fähigkeiten verbessern und das auch noch kostenlos!“, sagt Hannes begeistert, einer von etwa 700 Menschen, die jedes Jahr das Angebot von RADikate nutzen. „Für uns ist dieser Ort und der Umstand, dass RADikate ein eigenständiges Projekt ist, sehr wichtig, um es emanzipatorisch gestalten zu können und nicht von äußeren Umständen abhängig sein zu müssen.“, erklärt Martin von RADikate. Die Lage des Tunnels sei perfekt, nicht nur durch ihre Zentralität, sondern vor allem auch, weil da unten von Ruhestörung definitiv keine Rede sein könne.

„RADiKATE soll bleiben!“

Dennoch, in der Marburger Entwicklungsplanung ist kein Platz für den Tunnel. Eine Unverschämtheit, finden Bürger*innen, nicht nur für die Werkstatt, sondern für alle, die sich in den Entscheidungen der Stadt nicht repräsentiert fühlen. „Wir haben den Eindruck bekommen, dass wir von Seiten der Stadt überhaupt nicht einbezogen worden sind, dass man dort gar nicht will, dass wir irgendwie mitreden und unsere Wünsche formulieren können.“, so Wanda. Doch so leicht lassen sie sich nicht unterkriegen und Solidarität brauchen sie nicht missen. „Das RADikate soll bleiben! Ich denke, wir sollten in Zukunft sogar noch mehr auf diese Art von Projekten bauen!“, so Hannes und wird unterstützt mit einem lautstarken Beifall, als Wanda auf der Straße ruft: „Wir wollen im Tunnel bleiben, wir wollen mit RADikate weitermachen und wir lassen uns hier nicht vertreiben!“

Die Stadt will ein uneigennütziges, förderndes und beliebtes Projekt schließen und dessen Initiator*innen und Unterstützer*innen sollen nichts mitzureden haben? Ich glaube nicht.

BE NICE, BE ACTIVE! Wer sich beteiligen möchte am Kampf um den Erhalt um RADikate oder sogar Lust hat, an dem Projekt mitzumachen, kann das Team kontaktieren unter radikate@lists.aktivix.org. Mehr Infos erhaltet ihr auch auf http://www.radikate.org

FOTO: Leonie Ruhland

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin. Zwischen ihrem Master in Friedens- und Konfliktforschung ist sie zu Techno und Goa am Raven oder reist durch die Weltgeschichte.