Okta Logue: »Es gab nie den Plan, so etwas zu machen.«

Okta Logue: »Es gab nie den Plan, so etwas zu machen.«

Okta Logue ist eine Band der etwas ungewöhnlicheren Sorte. Mit ihren sphärischen Klängen begeistern die vier Jungs längst nicht mehr nur das deutsche Publikum. Ein Gespräch über Delphine auf Kugelfisch, die besten Hip-Hop-Acts 2016 und die Liebe zur Musik.

Mit einer Mischung aus Fuck-Forever-Indie-Vibe, einer Portion 70er-Jahre-Nostalgie und einer Menge Glanz und Gloria klingen Okta Logue wie eine Nacht mit Uschi Obermaier. Das kommt nicht nur in Europa an. Als die Band 2013 in den USA auf Tour ging, konnte kaum jemand glauben, dass dieser Sound Made in Germany ist. Made in Darmstadt um genau zu sein – auch wenn die Bandmitglieder sich inzwischen alle im Rhein-Main-Gebiet verteilt haben. Wir treffen Benno Herz (voc. bass), Robert Herz (drums), Philip Meloi (lead guitar) und Max Schneider (organ, synths) kurz vor ihrem Auftritt auf dem Dach des neuen KFZ. Dabei entwickelt sich, durch eine kleine Panne unsererseits, ein Gespräch, das wir so nicht geplant hatten. Wenn am Ende des Interviews eines klar geworden ist, dann Folgendes: Mit Okta Logue kann man bestimmt sehr gut ein Bier trinken gehen.

PHILIPP: Ihr seid allesamt unverschämt gut gekleidet. Was ist das Geheimnis eures guten Stils?

Benno: Das fehlt uns leider ein bisschen manchmal… (Band bricht in Gelächter aus) Jeder sucht sich geilen Scheiß raus, den er irgendwo findet oder den wir schon seit Jahren gesammelt haben und dann ziehen wir das halt einfach an.

Also seid ihr eher so die Thrifter?

Benno: Genau! Wir sind Thrifter. (lachen)

Ist euch Mode aber generell wichtig? Wenn du jetzt sagst, dass euch so ein bisschen das Konzept fehlt, scheint das ja nicht der Fall zu sein.

Philip: Generell ein ästhetisches Empfinden, das sich so durch alle Bereiche zieht (lacht selbstironisch, knüpft aber dann wieder an). Ja, natürlich finden wir Mode wichtig. Wir haben jetzt nicht irgendwie so’n… ehm… wie sagt man da? CI-Konzept oder so. Sondern jeder trägt halt die Sachen, auf die er Lust hat und fühlt sich wohl und das passt ja auch alles zusammen. Das ist ja auch das Besondere irgendwie, dass wir jetzt nicht so gleichförmig daher kommen.

Benno: Manchmal passt’s besser, manchmal schlechter.

Aber so vom Gesamtbild her könntet ihr schon eine Gang sein.

Benno: Ja, auf jeden Fall.

Ihr studiert ja jetzt teilweise in Hamburg…

Benno: Ne, nicht ganz.

Oh…

Es stellt sich heraus, dass wir bei unserer Vorbereitung einer kleinen Missinformation auf den Leim gegangen sind: Keiner der Jungs hat das Rhein-Main-Gebiet verlassen, Benno  studiert z.B. in Frankfurt. Wir kommen ein bisschen aus unserm Konzept, müssen improvisieren, die Jungs sehen es gelassen…

Ich komme aus Frankfurt und finde das inzwischen ein bisschen ätzend . Magst du Frankfurt?

Benno: Ich mag’s voll gerne. Ich hab’s ätzend gefunden, als ich hingezogen bin und bin jetzt seit fast vier Jahren da und bin jetzt ein richtiger Fan. Jetzt nicht so im lokalpatriotischen Sinne, aber es ist schon eine sehr reizvolle Stadt. Man findet die coolen Sachen nicht an der Oberfläche, man muss so ein bisschen suchen. Und wenn man Bock auf so eine relativ unglatte, coole, avantgardistische Elektronik- und Technoszene und Partys hat, dann ist Frankfurt ’ne ziemlich vitale Stadt eigentlich.

Was würdest du denn  in Frankfurt empfehlen?

Benno: Zum Beispiel das Label MMODEMM. Die haben sich vor zwei Jahren gegründet und eigentlich nur als reines Tapelabel angefangen. Und die machen internationale Releases von allen möglichen House-, Technoacts und mittlerweile auch Partyreihen und Theater und vertonen Kinofilme. Das ist ein bisschen so’n ganzheitliches Kollektiv. Die haben so vier Veranstaltungen die Woche mittlerweile.

Daraus kann ich ja entnehmen, dass du privat auch Electro/Techno hörst. Geht’s euch auch so?

Philip: Eher nur zum Weggehen eigentlich.

Geht ihr denn gerne generell feiern?

Alle: Sehr, sehr gerne.

Und dann vorrangig auf was? Musiktechnisch…

Robert: Ganz verschieden, aber hauptsächlich elektronische Musik eigentlich.

Benno: Es gibt manchmal auch so ’ne Soulparty oder so etwas.

Robert: Wir legen auch selber ab und zu auf.

Wie heißt ihr denn als DJs?

Benno: Unsere normalen Namen. Aber ich habe mit meinem Bruder Benno auch ’ne Veranstaltung die heißt Doppelherz.

Wenn ihr dann feiern wart: Am nächsten Morgen, super verkatert – was ist euer erster Move?

Max: Weiter geht’s! (alle lachen)

Benno: Bei mir eigentlich eher Netflix und Chill so…

Mit Groupies?

Benno: Ja klar! Blöde Frage…

Robert: Ja, wir haben Glück… also ich zumindest. (alle fangen an zu lachen) Also ich mein, ich hab selten einen Kater, fast nie…

Echt? Ich dachte, du hättest die meisten Groupies.

Robert: Deshalb nimmt mich so ein Abend meistens nicht mit, ich hab immer Lust, direkt weiter zu machen.

Das kann aber auch gefährlich sein, weil du dann die ganze Zeit weiter machst und irgendwann kommt der große Absturz.

Robert: Immer nur schlückchenweise halt… alles mit Maß und Ziel.

Philip: Also für mich ist der nächste Tag dann schon sehr überlebensfeindliches Terrain.

Also chillt ihr eher zusammen im Bett und netflixt ein bisschen?

(lachen) Philipp: Genau, wir netflixen und Robi und Max gehen weiter.

Nice, dann vielleicht mal ’ne Frage zur Musik: Mir ist aufgefallen, dass Philip in euerm Debut-Video zu Bright Lights mit Gitarre und Luftmatratze im Pool chillt. Das ist jetzt auch in dem neuen Video zu Diamonds and Despair. Ist das irgendwie so’n Kreis, der sich für euch schließt?

Benno: Das war so eine kleine Hommage an uns selbst. Weil wir immer die sind mit dem Pool-Video. (lacht) Und dann haben wir gedacht, dann bringen wir’s halt nochmal. Das war einfach so ’ne Idee und hat gut in das Video gepasst.

Philipp: Ja, um den Kreis vielleicht auch wirklich zu schließen. So die gleiche Szenerie nochmal sechs Jahre später irgendwie erwachsener und düsterer im neuen Soundgewand zu präsentieren.

Der Song wächst auch durch das Video – das war mein Eindruck. Also ich habe das Gefühl, dass ich den Song erst, nachdem ich das Video gesehen hatte, wirklich verstanden habe. War das eure Intension? Wolltet ihr den Song durch das Video erweitern oder einfach nur darstellen?

Benno: Das ist ’ne schwierige Frage, gä? Wir wollten eigentlich ein Video machen, das dazu passt. Wenn das gelingt, dann passiert das, was du gerade sagst, dass man den Song eigentlich noch um eine Ebene erweitert.

Philip: Ich glaube, wir hatten bestimmte Assoziationen beim Schreiben des Songs, die wir so durch das Video besser visualisieren und verständlich machen konnten.

Und wie konzeptualisiert ihr die Videos? Macht ihr da Brainstormings in der Band oder habt ihr ein Mastermind?

Benno: Unser ehemaliger Keyboarder, der Nikolai aus Darmstadt, hat bei fast allen Videos die Hände im Spiel gehabt. Der hat das auch studiert und der ist so das Okta Logue Video Mastermind.

Also dem vertraut ihr da einfach wenn es um die Videos geht?

Benno: Genau eins haben wir ohne ihn gemacht: Pitch Black Dark. Bei allen anderen war er maßgeblich beteiligt oder zumindest federführend.

Pitch Black Dark ist ein gutes Stichwort. Wart ihr das in dem Windkanal?

Max: Klar, ich im Goldenen.

Ohne Mist?

Benno: Nein Scherz, waren wir nicht.

Ich hab’s jetzt geglaubt…

Benno: Das ist voll die krasse Sportart.

Habt ihr’s mal probiert? Oder darf man das gar nicht?

Benno: Ne, das waren professionelle Leute, die das gemacht haben. Es gibt mittlerweile so Windparks… (überlegt) Ne, Windparks sind diese Offshore-Anlagen…  So Hallen, in denen man das machen kann. Die war jetzt in Prag. Es gibt aber noch eine in Essen oder so.

Philip: Ich glaube, wir hätten das Budget des Labels gesprengt, wenn wir uns selbst erst zu professionellen Fliegern ausbilden hätten lassen.

Durftet ihr denn mal sowas geiles, fancyges machen für’n Video?

Benno: Motorcross fahren für „Dream On“.

Ich hab in ’nem Interview mit euch gelesen, dass ihr auch gerne mal Filmmusik machen würdet. Was wäre denn der Plot von ’nem Film, den ihr genre synchronisieren würdet.

Benno: So eine Odysee-artige Geschichte wäre gut. So ein Protagonist, der sich durch widrige Umstände kämpfen muss, immer wieder Rückschläge erleidet. Sowas, das sich im Verlaufe des Films entwickelt, fände ich, glaube ich, cool, weil das gut zu unserer Musik passen würde. So etwas wie Batman, Inside Llewyn Davis. Die Art von Geschichten, wo ein Protagonist immer wieder hinfällt und trotzem weitermacht, in Sackgassen geht und wieder zurück. Dann könnte man einzelne Themen für die Sachen machen.

Philip: Es könnte auch ein Episodenfilm sein.

Robert: Wir haben das auch gesagt, weil wir total Lust drauf hätten, uns reinzudenken, verschiedene Stimmungen zu vertonen und da eben zuzuarbeiten. Wir wollen nicht einen Film schreiben und dazu Musik machen, sondern wir hätten voll Lust, da zusammenzuarbeiten.

Was wäre denn das Genre?

Benno: Ein Haifilm wäre cool. Eine Hai-Doku…

Was haltet ihr davon, dass Delphine mit der Nase Haie töten können? Kurzer Fun Fact.

Benno: Echt jetzt? Wusste ich nicht…

Max: Das wusste ich auch nicht.

Benno: Wie machen die das denn mit der Nase?

Ich habe das auch nur in ’nem Film gehört, wollte das einfach mal einwerfen.

Max reagiert mit Delphingeräuschen.

Robert: Schneider, was du schon alles mit deiner Nase gekillt hast… (Band bricht in Gelächter aus) Daran will ich auch nicht denken. Ja, so ein lieber Delphin so’n kleiner…

Philip: Der kleine Delphin tötet den weißen Hai…

Mit der Nase!

Robert: Das google ich mal nach auf jeden Fall.

Max: Was ich viel cooler finde ist, dass sich Delphine an Kugelfischen berauschen.

Robert: Das ist echt geil, ja.

Max: Die beissen nur so’n bisschen rein, weil die ungefähr abschätzen können, wieviel sie nehmen und wieviel dsie vertragen.

Robert: Und dann sind die geturnt davon.

Max: Genau, dann sind geturnt davon und schwimmen bauchaufwärts

Robert: Wirklich, ohne Scheiß!

Benno: Gib dir mal Dolphin gets High on a Dings-Fish, oder einfach nur dolphin gets high.

Max: Da gibt’s so’n Video, das ist echt absurd. Die liegen dann an der Wasseroberfläche und lachen und so.

(alle müssen lachen)

Machen die so Sit-Ins oder was?

Philip: Ja, in so kleinen Grüppchen. In der Doku ist eine kurze Szene, da will sich einer so’n bisschen zu viel geben und dann kommt ein anderer und stupst den ein bisschen weg. Nach dem Motto: Hey, mach mal langsam… (lacht)

Robert: Das ist das, was der Schneider meistens mit mir machen muss.

Benno: Genau, der stupst dich mit der Nase an. Okay, auf das Interview freue ich mich!

Ich freue mich auch schon drauf, das ganze hier auseinander zu klamüseln. Ihr guckt gerne Dokus, oder? Was guckt ihr denn so am liebsten? Tierdokus?

Benno: Das ist schon ein Favorit, ja.

Habt ihr eine Empfehlung?

Philip: Die Babybären-Doku.

Benno: Es gibt aus den frühen 70ern so’n psychedelischen Film über Bienen, der heißt „Der Geist des Bienenstocks“, der ist total weird. Das ist eigentlich so’n Lehrfilm für Kinder, aber ist dann quasi so bebildert mit Animationen in so’nem frühen 70er Animationsstil… Ist total krass. Habe ich irgendwie zufällig erst letztens von gehört und mal reingeguckt.

Krass man, was man hier erfährt. Ich komme immer noch nicht auf die Kugelfische und die Delphine klar… Aber ey, bester Hip-Hop-Act 2016?

Robert: LGoony ist weit vorne auf jeden Fall für mich.

Fly boy…

Robert: Total fly! Dann finde ich – was sau aktuell ist – der ist erst dreizehn, der heißt „Brown Eyes, White Boy“. „Bruder, warum holst du dein Messer raus?“ ist sein erstes Tape. Das ist mega, mega gut. Wer noch? Da muss ich kurz überlegen…

Max: Medikamenten Manfred, Hustensaft Jüngling…

Robert: Wobei die so’n bisschen nachgelassen haben im letzten Jahr.

Benno: Ich habe kürzlich die neue TUA-Platte gehört, die fand ich total geil.

Ihr turnt also ganz gerne mal ab zu Cloud-Rap?

Robert: Auf jeden Fall. Regelmäßig! Also ich höre das sau gerne.

Hätte ich nicht erwartet. Also seid ihr eher Glo Up Dinero Gang als Life from Earth?

Robert: Musikalisch eher LFE als Glo Up Gang. Aber Glo Up Gang haben trotzdem Probs von mir, weil die halt alles so losgetreten haben.

Ihr hört ja Hip Hop und Techno. Aber wie seid ihr denn dann auf den Klang gekommen, den ihr spielt?

Robert: Es hat sich irgendwie so ergeben.

Philip: Wir sind da zufällig reingewachsen. Es hängt auch so’n bisschen mit der Liebe zu so ’ner gewissen Klangästhetik zusammen. Gerade am Anfang waren wir auch so’n bisschen retrospektiver unterwegs als heute und haben uns dann irgendwie am Anfang wie so ’ne Art Base erschaffen, von der wir uns eben weiterentwickelt haben und dieses Universum vergrößern konnten. Das hängt natürlich auch mit ’ner Liebe zur Musik der frühen 70er oder der späten 60er zusammen. Allerdings ist es ja wie ihr merkt bei weitem nicht so, als wäre das irgendwie unser abgesteckter Horizont. Wir hören Musik aus allen Jahrzehnten aus allen Richtungen. Aber irgendwie haben wir uns halt so in dieser Welt, dieser Klangwelt eingefunden.

Das klingt, als wäre das einfach natürlich gewachsen?

Philip: Genau, es gab nie den Plan, so etwas zu machen.

Ich finde, das schließt unser Gespräch eigentlich ganz gut ab. Danke! 

FOTOS: Luis Penner

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin. Zwischen ihrem Master in Friedens- und Konfliktforschung ist sie zu Techno und Goa am Raven oder reist durch die Weltgeschichte.